Der König ist tot. Es lebe der König!

Eine kurze Vorbemerkung

Der Autor dieser Zeilen war in der Vergangenheit, ich würde sagen für eine lange Zeit, ein Sympathisant der „Linken“, ich wage sogar zu sagen, der extremen Linken. Dies stets unter der Prämisse, dass dies geschah, als man in der italienischen Politik noch in gewissem Maße von einer Spaltung zwischen „Linker“ und „Rechter“ sprechen konnte – vorausgesetzt, es hat überhaupt einen Sinn, von „links sein“ oder „rechts sein“ zu sprechen. Nur die Jahre haben mich nämlich gelehrt, dass Ideologien (egal welche) immer schon von der „wahren“ Macht benutzt wurden, um zu herrschen und die Völker der ganzen Erde zu unterwerfen. Letztere wiederum haben sich den Rollen, die ihnen von Zeit zu Zeit angeboten wurden, oft aufrichtig und hingebungsvoll verschrieben, oft sogar um den Preis ihres eigenen Lebens und des Lebens ihrer Liebsten. Diese kurze Einführung diene nur dazu, dass ich nicht von den üblichen vier lobotomisierten Idioten mit den gängigen Schimpfworten bedacht werde, auf deren Gebrauch sie – wie Pawlowsche Hunde – gegen jeden abgerichtet wurden, der anders denkt als das aktuelle Narrativ der Political Correctness.

 

Eine italienische Geschichte. Oder vielleicht doch nicht

Es war der 17. Februar 1992, als der damals fast unbekannte Staatsanwalt Antonio Di Pietro vom Ermittlungsrichter Italo Ghitti einen Haftbefehl gegen den Ingenieur Mario Chiesa erwirkte. Chiesa war Präsident des Pflegeheims Pio Albergo Trivulzio und ein prominenter Vertreter der Mailänder PSI (Sozialistische Partei Italiens). Ihm lag eine im Vorjahr begonnene Ermittlung zugrunde, die ihn persönlich in eine Affäre um administrative Korruption und Schmiergeldzahlungen verwickelte. Das war nur die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen und offenbarte schon bald ein System von Bestechungsgeldern, das seit Jahren im ganzen Land praktiziert wurde, bei dem aber alle so taten, als existiere es nicht. Die Ermittlungen weiteten sich aus, und nach den für alle Parteien (mit Ausnahme der Lega und La Rete von Leoluca Orlando) katastrophalen Parlamentswahlen Anfang April jenes Jahres folgte eine Serie von Anklagen, Rücktritten und in einigen Fällen sogar Selbstmorden von Politikern und Unternehmern (darunter der ehemalige Eni-Präsident Francesco Cagliari und der Unternehmer Raul Gardini, Präsident der Ferruzzi-Montedison-Gruppe, die beide in die Geschichte der „Enimont“-Schmiergelder verwickelt waren). In wenig mehr als einem Jahr wurde eine ganze politische Klasse, Parteichefs vorneweg, hinweggefegt. Es gab auch mehrere Morddrohungen gegen Di Pietro selbst (der im Übrigen keineswegs eine makellose Figur war. Aber das hier auszuführen, würde zu weit führen). Die inzwischen überaus zahlreichen Ermittlungen verwickelten sogar die Finanzpolizei (Guardia di Finanza). Nur die alte PCI (Kommunistische Partei Italiens) schien von dieser Welle der Skandale nur am Rande berührt zu werden. In Wahrheit war der Grund, warum sie nicht direkt involviert war, ein ganz anderer. Darauf komme ich später in diesem Artikel zurück. All dies führte, wie wir gleich sehen werden, zum Ende der Ersten Republik, um einen journalistischen Ausdruck zu gebrauchen.

 

Fozza Itaia

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Abend im Jahr 1992, als ich mit einigen Freunden plaudernd durch die Straßen von Rom spazierte. Irgendwann fielen uns in der Gegend von San Giovanni überall Plakate auf, die bildschirmfüllend ein lächelndes Baby zeigten, über dem der Schriftzug „Fozza Itaia“ (kindliche Aussprache für „Forza Italia“, Vorwärts Italien) prangte. Wir stellten uns sofort alle dieselbe Frage: „Was soll das denn sein? Klingt wie ein Fußball-Slogan!“. Auch wenn die Werbefachleute es später dementierten, bringt mich niemand von dem Gedanken ab, dass dies sozusagen die technischen Probeläufe für die neue, bereits geplante Partei waren, die im Januar 1994, nach seinem Eintritt in die Politik im Oktober des Vorjahres, von einem Mailänder Unternehmer gegründet werden sollte: Silvio Berlusconi. Der Grund, warum ich heute, Jahre später, glaube, dass diese Plakate kein Zufall waren, ist, dass wenig mehr als zwei Jahre zuvor, am 9. November 1989, die Berliner Mauer gefallen war. Seitdem wurde andernorts entschieden, dass sich die europäische politische Ordnung ändern müsse und dass insbesondere Italien einer neuen politischen Klasse Platz machen müsse. Diese sollte die alte ersetzen, welche zwar korrupt und bestechlich war, aber die unverzeihliche Sünde beging, aus authentischen Politikern zu bestehen, deren Bildung eine realpolitische gewesen war und die sich auf ihre Weise immer noch um das Allgemeinwohl des Landes kümmerten. Mit anderen Worten, man musste diejenigen hinwegfegen, die noch eine multipolare und keine globalistische Weltauffassung besaßen und deren Vision von Machtverhältnissen noch von politischen, sozialen und moralischen „Werten“ der vergangenen Jahrhunderte geprägt war. Das Ende des 20. Jahrhunderts sollte stattdessen den Weg für jene vereinheitlichenden und meinungsnivellierenden Prinzipien bereiten, die noch heute die Leitlinien der jüngsten internationalen Entwicklungen sind. Genau aus diesem Grund ist das, was ich hier zusammenfasse, vielleicht (wie oben geschrieben) doch keine rein „italienische Geschichte“. Und das gilt sowohl für die Geschichte von „Tangentopoli“ (Schmiergeld-Skandal) als auch für den „Eintritt auf das Spielfeld“ (wie er selbst immer sagte, wobei er den Begriff aus seinem geliebten Fußball entlehnte) dieses ebenso umstrittenen wie in der italienischen Politik untypischen Charakters. Im Guten wie im Bösen hat der Politiker Berlusconi, der absolut untrennbar mit dem Unternehmer verbunden ist, rund 17 Jahre der italienischen Politik und Gesellschaft geprägt: von der offiziellen Gründung seiner Forza Italia im Januar 1994 bis zum 12. November 2011, dem Datum seines „erzwungenen“ Rücktritts als Ministerpräsident. Dieser Rücktritt war, wie ich damals in einer Diskussion mit meinen Freunden vom besagten Abend 1992 anmerkte, in Wirklichkeit ein regelrechter „Staatsstreich“ durch den damaligen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano* (vielleicht den schlechtesten Präsidenten, den die Italienische Republik je hatte, zusammen mit dem aktuellen) und die internationale politische und wirtschaftliche Gemeinschaft. Letztere war der eigentliche Auftraggeber für das, was Napolitano praktisch umsetzte. Höchstwahrscheinlich wurde der Unternehmer Berlusconi erpresst. Die Aktien von Mediaset begannen abzustürzen und verloren das gesamte Jahr 2011 über an Wert, allein bis August gaben sie um 45,5 Prozent nach. Und auch in den unmittelbar folgenden Jahren erging es ihnen nicht gut. Das Unternehmen wurde 1987 gegründet, war Ende 1996, dem Jahr des Börsengangs, 4 Milliarden wert und erreichte Anfang 2000 mit dem Aufkommen des Internets einen Wert von 30 Milliarden. Seitdem folgte jedoch ein langsamer, unaufhaltsamer Niedergang bis zu den heutigen rund 1,7 Milliarden, weniger als die Hälfte dessen, was es beim Börsengang vor 27 Jahren wert war. Im Prinzip machte Goldman Sachs & Co. dem Cavaliere klar, dass die Zeit gekommen war, die Zügel abzugeben. Und so begann die Ära Monti.

 

Berlusconi der Verführer/Korrupteur

Zweifelsohne hat Berlusconi aus verschiedenen Blickwinkeln dazu beigetragen, das ohnehin schon wankende Land am Ende der 80er Jahre noch weiter zu verschlechtern. Ich bin der Erste, der der Ansicht ist, dass er mit seinen Fernsehsendern – dank der Komplizenschaft von Figuren wie Maurizio Costanzo und dessen Ehemann (nein, das ist kein Versprecher von mir…) – den italienischen Haushalten, die ohnehin schon zur Oberflächlichkeit neigten, den schlimmsten Populismus und die schlimmste Vulgarität in Verbindung mit den niedersten Instinkten (Fressen, platter Sex und Fäkalhumor) ins Haus geliefert hat. Wahr ist auch, dass die Figur Berlusconi (und auch das ist kein Zufall) für seine unternehmerischen Projekte auf die wirtschaftliche und anderweitige Hilfe der Mafia zurückgriff, die, daran möchte ich uns alle erinnern, die „schmutzige Hand“ der internationalen Macht ist. Genauso wahr ist, dass er ein Korrupteur war und vielleicht Dutzende von verwaltungsrechtlichen und anderen Straftaten begangen hat, abgesehen davon, dass er seine Doppelrolle als Politiker und Unternehmer in einem offensichtlichen Interessenkonflikt ausnutzte, um seinen Unternehmen durch über 70 „Ad-personam“-Gesetze (auf seine Person zugeschnittene Gesetze) Vorteile aller Art zu verschaffen, oft auf Kosten staatlicher Unternehmen. All dies ist zweifellos wahr (wie die vielen Prozesse gegen ihn mehrfach bewiesen haben). Davon war ich schon vor Jahren überzeugt und bin es immer noch. Dennoch glaube ich nicht, dass trotz allem die gravierendste und verantwortungsvollste Rolle in der gesamten Zeit, in der Berlusconi für unser Land und darüber hinaus etwas bedeutete, die seine war. Berlusconi hat sich immer als das präsentiert, was er war, ohne sich zu verstellen. Bei anderen Protagonisten des politischen und gesellschaftlichen Lebens in Italien war das nicht der Fall. Und hier kommen wir auf die Rolle zurück, die, wie ich zuvor schrieb, die alte PCI während der turbulenten Phase von „Mani pulite“ (Saubere Hände) spielte. Wie ich bereits erwähnte, die alte Kommunistische Partei oder das, was nach der „Wende“ von Occhetto im Jahr 1991 mit der Umwandlung in die PDS (Demokratische Partei der Linken) davon übrig geblieben war. Es ist kein Zufall, dass der Name an den einer der beiden großen amerikanischen Parteien erinnerte. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass auf Achille Occhetto – meiner Meinung nach von anderen manipuliert – im Jahr 1994, dem Jahr von Berlusconis Wahlsieg, Massimo D’Alema folgte, eine der zwielichtigsten Figuren der italienischen Politik (ich werde hier nicht die verschiedenen Schandtaten aufzählen, die sich in seiner langen politischen Karriere angesammelt haben). Derjenige, der einst der „Kofferträger“ der alten PCI-Politiker war, wurde zum Protagonisten und bildete (zusammen mit anderen Kofferträgern anderer alter Parteien) die „neue“ politische Klasse der „Zweiten Republik“ (heute, mit der sogenannten „Dritten“, haben wir es mit den Nullen der Zweiten zu tun). Die sogenannte „Linke“ (die mit den „Werten“ der Linken von einst nichts mehr zu tun hat, genauso wenig wie die heutige „Rechte“ mit der von früher) hat in all den Jahren, in denen sie regierte und sich mit dem Cavaliere abwechselte, nie, ich betone nie, eines dieser 70 Ad-personam-Gesetze, die er durchgebracht hatte, annulliert. Ein Zufall? Das würde ich nicht sagen.

 

Ob dieser oder jener, für mich sind sie alle gleich

Der wahren Macht, der internationalen Freimaurerei, diente Silvio Berlusconi – selbst Freimaurer und Mitglied der Loge Propaganda 2 (P2) von Licio Gelli (genau wie der erwähnte Maurizio Costanzo) – dazu, Italien in die Richtung zu lenken, die er uns leider einschlagen ließ. Allerdings war die Figur sozusagen histrionisch. Er hatte die unangenehme Tendenz, sich als Protagonist zu fühlen. Mit anderen Worten: Er tat ab und zu, was ihm passte, ohne Rücksicht darauf, dass den Herren, die ihn an der Leine hielten, diese „Autonomie“ der Ansichten nicht gefallen würde. Und sie ließen ihn dafür büßen, bis sie ihn fallen ließen, als sie erkannten, dass er ihnen nicht nur nichts mehr nützte, sondern auch schädlich für ihre Pläne (Putin, Gaddafi usw.) wurde. Auf der anderen Seite inszenierten dieselben wahren Herren der Welt für die Italiener (oder besser gesagt, wie ich sie nenne, die Italioten) die Rolle der vorgetäuschten Opposition, indem sie ebenjene „linke“ Partei gründeten und ihren Namen im Laufe der Jahre änderten. Aber warum nutzten sie die alte PCI (und ließen sie zu diesem Zweck nicht in „Mani pulite“ hineinziehen)? Ganz einfach. Weil die alte Kommunistische Partei diejenige war, die über ein flächendeckendes Netzwerk im Land verfügte und über ihre Genossenschaften den Großteil der einfachen Arbeiter am besten erreichen konnte. Um die mittlere bis obere Bourgeoisie sollte sich der gute alte Berlusconi kümmern. Als die „linken“ Lakaien das zerlumpte einfache Volk langsam ermüdeten – welches zwar zerlumpt sein mag, aber einen Magen hat und es nicht erträgt, dass diejenigen, die es verteidigen sollten, Champagner nippen und Kaviar essen (erinnert Sie das an etwas von heute?) und sich offensichtlich einen Dreck um es scheren –, zauberten die globalen Eliten die neue „Scheinopposition“ aus dem Hut: die 5 Sterne (oder 5 Ställe, Ställe /Sterne wie man es bevorzugt). Bei Letzteren, wie ich an anderer Stelle bereits erwähnt habe, ließ auch ich mich täuschen und gab ihnen meine Stimme (nach etwa 30 Jahren ehrenvoll ungültig gemachter Stimmzettel). Natürlich beging ich bei der darauffolgenden Wahl nicht denselben Fehler. Heute zerreißt sich die „fuchsia-regenbogenfarbene“ Linke, wie Diego Fusaro sie treffend nennt, in den sozialen Medien die (bunten) Kleider darüber, dass wegen des Todes von Berlusconi Staatstrauer ausgerufen wurde (alles voll von „non in mio nome“ oder „not in my name“, denn Englisch klingt ja überall cooler). Abgesehen davon, dass mir der politische Akt, der von der aktuellen Marionettenregierung gewünscht wurde (das Kostüm der Marionetten ändert sich, aber die Puppenspieler sind immer dieselben), völlig gleichgültig ist, muss ich sagen, dass ich es einfach deprimierend finde, dass so viele Hirnlose auf freiem Fuß herumlaufen. Dass sie das Wahlrecht haben, darüber mache ich mir schon lange keine Sorgen mehr, denn wie jemand einmal sagte (mir egal, ob es wirklich Mark Twain war oder nicht): „Wenn es zu etwas nütze wäre, würden sie es uns nicht erlauben“. Der König ist tot, es lebe der König! Der Nächste, bitte.

*Darüber hatte ich bereits in verschiedenen Artikeln geschrieben, darunter hier, hier und hier.